Podiumsdiskussion am FIFDH 2026: Welche Zukunft für das internationale Genf?
Wie können der Multilateralismus und der Schutz der Menschenrechte neuen Schwung erhalten? Was können – oder sollen – die Schweiz und Genf weiterhin zur globalen Gouvernanz beitragen? Am 10. März 2026 war die SMRI Partnerin einer Veranstaltung am Internationalen Filmfestival und Forum für Menschenrechte in Genf (FIFDH), um diese Fragen zu diskutieren.
In einem Kontext, der von geopolitischen Spannungen, Finanzierungskürzungen internationaler Organisationen und einem Vertrauensverlust gegenüber globalen Institutionen geprägt ist, befassten sich die Diskussionen mit der Fähigkeit Genfs, sich neu zu erfinden und gleichzeitig die Grundprinzipien des Systems der Vereinten Nationen zu bewahren.
Auch nationale Menschenrechtsinstitutionen von der Krise betroffen
Vor nahezu voll besetztem Saal am Geneva Graduate Institute begann der Abend mit dem Film Solidarity von David Bernet. Der Film beleuchtet das Prinzip internationaler Solidarität angesichts der Krisen in der Ukraine und im Nahen Osten.
Im Anschluss an die Vorführung sprach der Direktor der SMRI, Stefan Schlegel. Er betonte die Auswirkungen der Krise des Multilateralismus auf die Arbeit nationaler Menschenrechtsinstitutionen. «Nationale Menschenrechtsinstitutionen bilden Brücken zwischen der nationalen und der internationalen Ebene des Schutzes der Menschenrechte. Internationale Organe schaffen, präzisieren und entwickeln menschenrechtliche Standards weiter. Diese bilden die Grundlage der Arbeit nationaler Menschenrechtsinstitutionen in jedem Land. Die Reduktion multilateraler Sitzungen in Genf – insbesondere jener des Menschenrechtsrates – hat deshalb direkte Folgen für nationale Menschenrechtsinstitutionen.»
Eine Legitimationskrise, aber kein angekündigtes Ende
Anschliessend diskutierte ein Podium von Expert*innen über die Zukunft des internationalen Genfs:
Maarit Kohonen Sheriff, Direktorin für globale Operationen des Hochkommissariats der Vereinten Nationen für Menschenrechte
Heba Aly, Koordinatorin der UN Charter Reform Coalition
Yves Daccord, Präsident von Principles for Peace
Itonde Kakoma, Präsident von Interpeace
Moderiert wurde die Diskussion von Davide Rodogno, Professor für internationale Geschichte und Politik am Geneva Graduate Institute.
Mehrere Podiumsteilnehmende stellten fest, dass der Multilateralismus heute zunehmend unilateral werde und stärker die Interessen mächtiger Staaten widerspiegle als eine echte kollektive Gouvernanz. Das internationale Genf und seine Institutionen seien von dieser Krise des Multilateralismus stark betroffen. Zur finanziellen Krise infolge der Finanzierungskürzungen der Vereinigten Staaten und anderer Staaten komme eine Legitimationskrise hinzu.
Eine gewisse Verkleinerung des internationalen Genfs scheint kurzfristig unvermeidbar. Die Podiumsteilnehmenden betonten jedoch, dass Qualität und Substanz der internationalen Zusammenarbeit wichtiger seien als die Anzahl Institutionen oder Mitarbeitender. Die zentrale Stärke Genfs bleibe die Diplomatie selbst – also die Fähigkeit, Akteur*innen zusammenzubringen, den Dialog zu fördern und zur Entwicklung internationaler Normen beizutragen.
Ein Multilateralismus mit variabler Geometrie?
Die Diskussion verdeutlichte zudem den Wandel der Machtverhältnisse in den internationalen Beziehungen. Künftige Formen des Multilateralismus könnten Städte, Unternehmen und Akteur*innen der Zivilgesellschaft stärker einbeziehen. Erwähnt wurde die Idee einer «Einheit über die Nationen hinaus». Sie steht für einen Übergang zu flexibleren Formen der Zusammenarbeit, die auf Netzwerken verschiedener Akteurinnen beruhen.
Auch die Idee eines Multilateralismus mit variabler Geometrie wurde in der Diskussion mit dem Publikum intensiv erörtert. Dabei würden kleinere Koalitionen von Akteur*innen – anstelle traditioneller Institutionen – gemeinsam auf globale Herausforderungen reagieren.